Bin ich enttäuscht? Ja, bin ich. Ziemlich enttäuscht. Wirklich jetzt! Und zwar deshalb: Der Bayerische Rundfunk hatte der THD bzw. seinen Wissenschaftlerinnen und Forschern ein exklusives Coaching angeboten. Einblicke, wie so ein großer und dennoch regional agierender Radiosender funktioniert. Wie er sich in Zeiten aufstellt, in denen die Informationsverarbeitung immer rasanter wird und durch den Abgang von lokalen Zeitungen immer größere Informationswüsten entstehen. Und dazu noch ein Interviewtraining vor Kamera und Mikrofon. Maximal 20 Leute hätten teilnehmen können, wegen der bestmöglichen Lerneffekte. Ich in meinem Kopf noch so: „Prima, Verknappung immer ein gutes Verkaufsinstrument.“ Und es gibt 250 wissenschaftliche Mitarbeitende an der THD, etwa 50 forschende Professorinnen und Professoren und rund 90 Promovierende. Aber auweia. Sage und schreibe drei (3) davon haben sich für das Angebot des BR interessiert. Deshalb hier die Lanze, die ich breche. Für das, wofür ich selbst brenne.
Wissenschaftskommunikation ist eine Option
Nein, ist sie nicht. Sie ist nämlich Pflicht. Die Zielvereinbarungen der TH Deggendorf mit dem Bayerischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sind da eindeutig. Das Ziel 3.2. lautet: „Ausbau der Wissenschaftskommunikation“ mit einem strategischen Konzept und entsprechender operativer Umsetzung. Da hätte obige Fortbildung natürlich perfekt hineingepasst. Dass auch zahlreiche Forschungsprojekte inzwischen den Nachweis paralleler Wissenschaftskommunikation einfordern, sei nur mal zusätzlich erwähnt.
Die Wissenschaft muss die Brücken (mit)bauen
Ich blicke mal kurz zurück zum Tag der Forschung, wo wir Ende Februar das "Deep Tech Manifest" des Münchner Kreises sehr lebhaft diskutiert haben. Wer dieses nicht kennt: Deep Techs wie Quanten-Computing, KI oder Nanotechnologie könnten der Power-Move für die kränkelnde Industrienation Deutschland sein. Nur eben in digital. Das allerdings erfordert Mut, Entschlossenheit und vor allem ein langfristiges Denken. Es gilt, alte Denkmuster aufzubrechen, eine neue Generation von Innovatoren zu unterstützen, die Grenzen des Möglichen zu verschieben und so die Zukunft proaktiv zu gestalten. Sagt der Münchner Kreis.
Für mich als Beobachter des Wissenschafts- und Gründungsbetriebs, aber auch der Gesellschaft und der Politik, stellt sich eine Frage ganz besonders: Wie genau muss diese Innovatoren-Generation agieren und vor allem auch wie muss sie kommunizieren, um das Mindset unserer Gesellschaft (wieder) in Richtung Embrace the future zu formen? Professor Leonhard Zintl von der Volksbank Mittweida hat das während der Podiumsdiskussion sehr schön gesagt: „Wer Veränderung mag, sieht darin keine Bedrohung, sondern eine Chance. Unsere Aufgabe ist es, Brücken zu bauen zwischen Mut, Technologie und den Menschen, die davon profitieren.“ Leider mögen jedoch bei uns im Land gerade so Wenige Veränderung. Substanzielle Teile der Gesellschaft sind gegenüber Innovationen ablehnend bis aggressiv. Teile der Politik wiederum hören lieber aufs „Wutvolk“ statt auf Forscher und Expertinnen. So aber können notwendige politische Rahmenbedingungen für Innovationen mit einem hinreichenden gesellschaftlichen Konsens nicht (mehr) gesteckt werden. Und die Forschung? Die ist ehrlich gesagt viel zu selten in der Lage, transparent und inklusiv zu kommunizieren. Was es dann wieder der Politik beim Überzeugen schwerer macht. Womit wir zurück beim Brückenbauen wären, und in unserem eigenen Falle heißt das, bei der Wissenschaftskommunikation.
Man mag freilich in seinem Labor stehen und denken, erstmal müssen Gesellschaft und Politik das auf die Kette bekommen. Aber das Edelman Trust Barometer (2025) zeigt Folgendes auf: je mehr Grundvertrauen, desto weniger Wutbürger-Mindset und desto mehr ökonomischer Optimismus – und vice versa. Dieses fatale »Potential« dürfen wir nicht unterschätzen. 69 Prozent der Deutschen hegen moderaten oder sogar heftigen Groll. Auf die Konzerne, auf die Regierung und die Politik im Allgemeinen sowie auf die Wohlhabenden. Forschende hingegen erzielen bei der weltweit führenden Kommunikationsfirma Edelman einen Trust-Score von 74 (2024). Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Man vertraut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in etwa so gut, wie einer Freundin beziehungsweise einem Freund. Dieser Vertrauensbonus muss in der Kommunikation von Wandel und von Zukunft meiner Überzeugung nach unbedingt genutzt werden. Forschende haben definitiv die Möglichkeit, an den Brücken (mit) zu bauen, auf denen Politik und Gesellschaft aufeinander zugehen können. Bedauerlicherweise sagen jedoch 41 Prozent der Leute, dass Forschende nicht in der Lage sind, mit normalen Menschen verständlich (transparent) zu sprechen. Es fehlt an (Medien- und) Kommunikationskompetenz.
Vom „Kennen“ und „Können“
Um verständlich kommunizieren zu können, brauche ich als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler zum einen die entsprechenden persönlichen Skills (die freilich leider weder während des Studiums noch während einer Promotion in einem Curriculum verankert sind) und zum anderen muss ich verstehen, wie die traditionellen, aber auch die sozialen Medien überhaupt funktionieren. Was keineswegs trivial ist, auch wenn einige dies so annehmen.
Ich öffne mal kurz meine Schubladen. In meiner langen Karriere habe ich mit Blick aufs Kommunizieren vier Gruppen getroffen: i.) Die Naturtalente, ii.) die Unbedarften – aber Lernwilligen, die es deshalb (mehr oder weniger weitgehend) in die Hände von Profis legen, iii.) die Unbedarften – die glauben alles besser zu können und finally iv.) die grundsätzlich Uninteressierten.
An die Gruppe iii.) kommt man schwerlich ran, die Gruppe iv.) akzeptiert man, wie sie ist und lässt sie in Ruhe. Am effektivsten für eine Organisation oder ein Unternehmen ist es, seine Energie vor allem in die anderen zu stecken. In diejenigen, die Talent mitbringen. Und diejenigen, die lernwillig sind und die Arbeit zwar grundsätzlich weitergeben, aber dennoch verstehen wollen. So werden sie immer bessere Kooperationspartner, das Spektrum der Möglichkeiten erweitert sich kontinuierlich für alle.
Dieses Dazulernenwollen war unser Ansatz bei der eingangs genannten Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk. Dass bei knapp 400 Kolleginnen und Kollegen am Ende nur drei dabei sein sollen, also grob gerechnet nicht mal ein Prozent, die da mit ins Boot steigen möchten, das hatte ich nicht erwartet (nur befürchtet). Warum lässt man so eine Gelegenheit aus? Kein Blaming, aber Zielgruppen, Sprache, Medium, Zeitpunkt, Kontext, Tonalität, Framings, Key Messages – da ist so vieles, was man beachten und aufeinander abstimmen muss. Und so oft erleben wir in der Hochschulkommunikation (und da geht es allen Hochschulen und Unis so), dass von Forschenden keine dieser Fragen initial und adäquat adressiert wird. Ja freilich, können wir natürlich machen. Und check: Dafür sind wir da. Si, claro, aber darum geht es nicht! Denn das Ding ist, Kommunikation ist in der Wissensgesellschaft eine krasse Schlüsselkompetenz. Ich frage mich also, warum nur so wenige Leute Interesse haben, es auch wirklich zu verstehen. Man kann dieses Wissen und dieses Knowhow sein ganzes Leben bzw. seine ganze Karriere lang gewinnbringend einsetzen. Muss es sogar, wenn man in verantwortlichen Positionen agiert. Und das tun Forschende und Lehrende doch immer.
Wissenschaftskommunikation als demokratietragende Verantwortung
Vielleicht steigere ich mich da ja in etwas hinein. Aber für mich gehört Medienkompetenz in einer Ära riesiger, größtenteils nur auf wissenschaftlicher Basis bewältigbarer Umwälzungen definitiv zum Rüstzeug von Forscherinnen & Forschern. Im Zeitalter von strategisch massenhaft angewandten Unwahrheiten, Halbwahrheiten und irreführenden »alternativen« Wahrheiten kommt dem Bildungssystem und eben auch der Wissenschaft eine besondere Bedeutung zu.
Ihr als Forschende seid es, die den Menschen komplexe neue Dinge verklickern müsst. Ihr seid dazu aufgerufen, Debunking zu betreiben. Noch besser natürlich Prebunking. Das Konzept der »psychologischen Impfung« gegen Desinformation ist heute wichtiger denn je. Social Media, die bei sehr vielen Menschen längst die traditionellen Medien als oft einzige Informationsquelle abgelöst haben, „schwächen das Vertrauen in Wissenschaft, Demokratie und Medien. Sie fördern Populismus und Polarisierung und gefährden damit den demokratischen und akademischen Diskurs“. Das sagt jedenfalls die Max-Planck-Gesellschaft in ihrem Forderungskatalog an die neue Bundesregierung. Die Politik müsse deshalb „die großen Online-Plattformen mit ihren intransparenten Algorithmen regulatorisch einschränken, indem sie u.a. offene Standards und den Digital Service Act durchsetzt, um den Diskursraum für Wissenschaftskommunikation zu schützen und faire Wettbewerbsbedingungen wiederherzustellen und so die Medienvielfalt und faktenbasierten Wissenschaftsjournalismus zu erhalten.“
Ob so eine digitale Einschränkung jemals funktioniert, keine Ahnung. Ob sie sinnvoll ist, keine Ahnung. Aber eines ist für mich klar. Die Wissenschaft hat die Möglichkeit, positiven Einfluss zu nehmen. Und das nicht nur durch ihre tollen Forschungsergebnisse, sondern unabdinglich auch über eine verständliche, inklusive Kommunikation. Trotz Zeitdruck, Workload, mangelnder Anerkennung der Kommunikationstätigkeiten, etc. – ja, wir kennen das!
Wissenschaftskommunikation ist ein Balanceakt
Für alle, die gerade nicht De- oder Prebunking googlen, noch ein letzter Aspekt guter Kommunikation. Zugabe, quasi. Weil ich gerade dabei bin.
„Ja, ich mache Wissenschaftskommunikation“, das ist Level 1, prima. „Ich bin dabei verständlich und verwende einfache Sprache, die zur Zielgruppe passt, wobei ich die (vermutlich sehr komplexe) Sache nicht verfälsche“ – Bravo, Level 2, advanced. We love it.
Die richtig große Kunst könnte dann in dieser Geschichte liegen: Forscherinnen und Forscher werden in der Bevölkerung oft als »Wissende« wahrgenommen. Als Leute, die eine unumstößliche Wahrheit liefern können. Was in der Regel falsch ist und während der Coronapandemie auch zu signifikanten Vertrauenseinbrüchen geführt hat. Vorläufigkeit ist in der Wissenschaft systemimmanent. Mit Hilfe (natur)wissenschaftlicher Methoden wird ein Verständnis über die Welt entwickelt. Es besitzt so lange Erklärungskraft, bis neue Daten die ursprünglichen Ansichten erweitern oder Widersprüche Veränderungen notwendig machen. Dieses kann zum Beispiel durch die Entwicklung neuer Technologien entstehen, wie bei CRISPR/Cas oder der hochauflösenden Fluoreszenzmikroskopie. Wissen kann also revidiert werden. Was freilich nicht bedeutet, dass es beliebig ist, denn es muss stets mit Daten belegt oder widerlegt sein. Für die Wissenschaftskommunikation bedeutet dies, dass man sich gegenüber Laien idealerweise mehr als »Suchender« denn als »Wissender« geben sollte. Eine nicht einfache Balance. Zu weit in die erste Richtung: „Hat null Ahnung!“ Zu weit in die zweite Richtung: „Arrogante Besserwisser mit erhobenem Finger!“ Ein weiterer, paralleler Aspekt liegt zwischen den Polen »Ergebnis« und »Prozess«. Hier sollte die Kommunikation etwas mehr auf den Weg, auf die Methoden abstellen als auf das Ergebnis. Denn das alleinige Vermitteln von Ergebnissen suggeriert dem Laien Endgültigkeit und unterbetont somit die Vorläufigkeit der wissenschaftlichen Arbeit.
Ich hoffe, dass ich mit obigen Beispielen bei einigen von euch Forscherinnen und Forschern das Interesse an der Wissenschaftskommunikation ein Stückchen erhöhen könnte. Im Sommersemester wollen wir mit dem BR noch einen zweiten Versuch wagen. Lasst uns und euch selbst also nicht hängen.
Außerdem wisst ihr ja hoffentlich, dass die THD-Abteilung »Kommunikation & Marketing« auch Coachings in Wissenschaftskommunikation oder speziell im Bereich Social Media für euch bereithält. Meldet euch jederzeit gerne, individuell oder in Gruppen – wir freuen uns auf das gemeinsame Arbeiten an diesem so wichtigen Thema.
Jörg Kunz
Jörg Kunz ist promovierter Biologe und PR-Experte mit vielen Jahren Erfahrung in Agentur und Industrie sowie in Expertenorganisationen wie Krankenhaus oder Hochschule. In seinen Blogbeiträgen wirft er einen persönlichen Blick auf aktuelle Ereignisse oder Trends und betrachtet diese aus der Sicht der Kommunikation bzw. im speziellen aus Sicht der Wissenschaftskommunikation.